Krimischreibwettbewerb


»Mordsdichter«

Wer schreibt den besten Kurzkrimi?
Krimischreibwettbewerb 2017  in Kooperation mit der Giessener Allgemeinen Zeitung

Auch in diesem Jahr gibt es beim Gießener Krimifestival einen Krimi-Schreibwettbewerb und somit für Hobby-Autoren die Möglichkeit, eigene Mordgedanken „mordwörtlich“ in einem Kurz-Krimi zu Papier zu bringen. Die Gießener Allgemeine Zeitung sucht erneut „Mordsdichter“ und versüßt die Teilnahme durch attraktive Preise. Die Kurz-Krimis (max. 10 Seiten) sollen dabei möglichst lokalen oder regionalen Bezug haben. Die besten Kurzkrimis (Plätze 1-5) und ihre Autoren werden am Sonntag, 05.11. 2017  im Rahmen einer Krimi-Matinèe (s. Programm) öffentlich vorgestellt. Der Siegertitel wird zudem als Fortsetzungsgeschichte in allen drei Zeitungsausgaben des Verlags abgedruckt.

Hier noch einmal die Teilnahmebedingungen zum Krimi-Schreibwettbewerb und ein Tipp der Organisatoren. Der maximale Umfang darf zehn Seiten nicht überschreiten. Bisherige Gewinner haben gezeigt, dass auch mit weniger als zehn Seiten ein unterhaltsamer Kurzkrimi entstehen kann und dass Krimis mit einer Prise Humor bei den Lesern besonders gut ankommen.

Teilnahmebedingungen: Die Beiträge sollten maximal 10 Seiten DIN A 4 Umfang haben (Schriftgröße 12, Seitenränder, 4/8 cm). Mit der Einsendung bestätigt der Autor/die Autorin, dass der Beitrag vorher noch nicht abgedruckt erschienen ist.
Die Manuskripte sollten bevorzugt als E-Mail (Betreff: Krimifestival) an die redaktion@giessener-allgemeine.de geschickt werden. Ausdruck (AZ-Stadtredaktion, Stichwort »Krimifestival«, Marburger Straße 20, 35390 Gießen) oder Fax (3003-305) ist ebenfalls möglich.

Einsendeschluss ist MI, 04. Oktober 2017


Hier der Siegertitel des Krimi-Schreibwettbewerbs 2017

von Autor MARTIN WAGNER

Der Kommissar und die verschwundene Frau

 Der Kommissar sah sich vorsichtig in der Wohnung um. Er bewegte sich
 nicht. Er hielt den Atem an und lauschte. Doch so sehr er sich auch
 anstrengte, hörte er nur das Schlagen seines eigenen Herzens. Langsam
 tastete er sich Schritt für Schritt vorwärts. Die Dielen knirschten. Obwohl er
 sich mit einem solch sicheren Gespür durch die Wohnung bewegte, als ob
 er schon einmal hier gewesen sei, konzentrierte er sich darauf, alles
 objektiv und distanziert zu betrachten: Er wollte alles als neu wahrnehmen
 und nicht wie ein Déjà-vu, das ihn von seiner Ermittlung ablenken könnte.
 Vom Wohnzimmer, in dem er stand, gingen mehrere Türen ab, und als er
 eine öffnete, wusste er schon in seinem Innersten, dass sich dahinter das
 Schlafzimmer befand. Das, dachte er, sollte er lieber als Zufall verbuchen.
 Nimm die Dinge nicht als selbstverständlich, sagte er sich. Das hast Du
 doch schon als Anfänger in der Polizeischule gelernt, und das musst Du
 jetzt im Alter nicht vergessen!
 Er schüttelte stumm den Kopf, um sich wieder auf seine Arbeit zu
 konzentrieren. Das, weswegen er hier war. Das Schlafzimmer und auch ein
 weiteres Zimmer, die Küche und das Bad waren leer. Die Frau, die er
 suchte, war verschwunden.
 Die Frau war ungefähr in seinem Alter, also jenseits der 60. Wie er bereits
 wusste, galt sie als freundlich im Umgang, zuvorkommend, und sie wurde
 als besonders ordentlich beschrieben. Umso mehr verwunderte ihn nun,
 dass auf dem kleinen Tisch in der Küche noch Reste vom Frühstück
 standen. Aber als er genauer hinsah, bemerkte er, dass zwar eine
 Butterdose, ein Käseteller mit Glasdeckel und ein Marmeladenglas dort
 neben einer Kaffeekanne, einer Tasse und einem Teller standen, doch alle
 Behältnisse waren leer. Vollkommen sauber und absolut leer.
 Er öffnete den Kühlschrank und sah hinein. Die Fächer waren gut gefüllt.
 Warum also machte man sich die Mühe, einen Frühstückstisch zu decken,
 aber nur das Porzellan auf den Tisch zu stellen ohne den Inhalt?
 Er öffnete den Kühlschrank und sah hinein. Die Fächer waren gut gefüllt.
 Warum also machte man sich die Mühe, einen Frühstückstisch zu decken,
 aber nur das Porzellan auf den Tisch zu stellen ohne den Inhalt?
 Der Kommissar runzelte die Stirn. Er konnte es sich nicht erklären. Er
 betrat das kleine Zimmer, das wohl als Gäste- und Nähzimmer sowie als
 Büro genutzt wurde. Trotzdem man bei einer solchen Mehrfachnutzung ein
 Tohuwabohu erwarten sollte, war alles peinlich sauber und ordentlich
 aufgeräumt. Der Kommissar nickte zufrieden: Diese Frau, die hier so
 deutlich ihren Ordnungssinn demonstrierte, suchte er. Doch wo war sie hin?
 Eine Entführung? Oder Demenz, Depression?
 Er wusste nur, er hatte keine Zeit zu verlieren. Vielleicht fand er ja hier in
 ihrer Wohnung einen Hinweis auf ihr Verschwinden und ihren jetzigen
 Aufenthalt.
 Er sah sich etwas genauer um. Auf einem schon etwas verschlissenen
 Sofa lag ein Leinentuch, in das die Frau wohl nach dem Vorbild ihrer Mutter
 oder eher Großmutter begonnen hatte, einen Sinnspruch zu sticken. Weit
 war sie noch nicht gekommen, aber sie hatte die Buchstaben mit Bleistift
 vorgezeichnet: „Denn aus der Kräfte schön vereintem Streben erhebt sich
 wirkend erst das wahre Leben.“
 Der Kommissar runzelte wieder die Stirn. Was hatte das zu bedeuten?
 Eher hätte er einen dieser Sprüche erwartet wie „Edel sei der Mensch,
 hilfreich…“ und so weiter.
 „Denn aus der Kräfte schön vereintem Streben erhebt sich wirkend erst
 das wahre Leben“…? Wollte sie damit einen Hinweis hinterlassen? Das
 „wahre Leben“? War die Frau ihres überdrüssig geworden?
 Der Kommissar sah sich weiter in der Wohnung um. Plötzlich schrak er
 zusammen. Aus dem Schlafzimmer ertönte Musik. War da jemand? Er
 spähte vorsichtig um die Ecke. Das Zimmer war so leer und verlassen wie
 zuvor. Auf dem Nachttisch hatte sich nur ein Musikwecker eingeschaltet und
 spielte jetzt laut Musik aus den 60ern, die dem Kommissar nicht unbekannt
 war: „Will you still need me, will you still feed me, when I’m sixtyfour?“ Der
 Kommissar ließ sich auf das Bett fallen und achtete nicht darauf, ob er
 irgendwelche Spuren hinterließ. Das alte Lied der Beatles aus den 60er
 Jahren traf ihn in der Seele. „Wirst Du mich noch lieben, wenn ich älter
 werde und meine Haare verliere…?“ Und das Ganze natürlich „many years
 from now…“ klar, irgendwann einmal. Der Kommissar strich sich über
 seinen fast kahlen Kopf und musste tief seufzen: „Mein Gott, das ist jetzt 50
 Jahre her, dass die das Lied geschrieben haben…und ich bin auch nicht
 jünger geworden.“
 Dann gab er sich einen Ruck und stellte den Wecker aus. Er wusste,
 diesen Song aus den 60er Jahren würde er jetzt den ganzen Tag im Ohr
 haben und nicht mehr loswerden. „…mine for evermore…“
 Der Kommissar sah sich noch einmal gründlich überall um. Auf dem Tisch
 im Wohnzimmer lag ungeöffnete Post. Aber keine verdächtigen Absender.
 Es war Werbung oder Prospekte. Das Stadttheater Gießen bewarb die neue
 Spielzeit, Ikea seine Möbel.
 Er legte alles so zurück, wie er es vorgefunden hatte. Sorgfältig machte er
 sich Notizen, schrieb den Satz, den die Frau wohl sticken wollte, in sein
 schwarzes Notizbuch, und mit seinem Handy fotografierte er die seltsame
 Tischdekoration in der Küche.
 Im Vorbeigehen warf er einen Blick auf die Plattensammlung. Ein paar
 Langspielplatten, ja Langspielplatten aus Vinyl und keine CD’s, waren oben
 auf die Anrichte gelegt worden, so, als ob sie als Nächstes abgespielt
 werden sollten. Wie das Stück der Beatles aus dem Musikwecker stammten
 sie ausnahmslos aus den 60er Jahren.
 „Sie hat’s wohl mit den 60ern“, dachte er, „aber dann dieser komische
 Spruch… Wie passt das denn zusammen?“
 Er schaute sich noch einmal um, aber er konnte keine weitere
 Besonderheit entdecken, die ihn auf die Spur der verschwundenen Frau
 gebracht hätte. Er beschloss, sich erst einmal einen Kaffee in seinem
 Lieblingscafé gegenüber zu gönnen, um über die weiteren Schritte
 nachzudenken.
 Er verließ die Wohnung und zog die Tür leise hinter sich zu. Nicht leise
 genug, denn im gleichen Moment öffnete sich die Tür zur
 gegenüberliegenden Wohnung, und die Nachbarin stürzte heraus.
 „Oh, Herr Kommissar, ist etwas passiert? Etwas füüüürchterliches?“
 Die Dame sagte wirklich „füüüürchterlich“ und das mit so einer
 durchdringenden schrillen Stimme, als ob sie auf einer Operettenbühne
 stünde.
 „Ach, es ist so schrööcklich heute, so als alleinstehende Frau…“ Ohne
 weiter auszuführen, was so eine alleinstehende Frau heutzutage alles
 erlebt, griff sie sich mit theatralischer Geste an die Stirn und zog den
 lilagelben, seidenen Morgenrock enger um ihre füllige Figur. Sie mochte so
 Mitte fünfzig sein, aber jetzt spielte sie gerade Femme fatale.
 Der Kommissar hatte noch kein Wort gesagt, sondern nur verwundert das
 Schauspiel beobachtet. „Ein Schauspiel“, dachte er, „genau das war es.
 Das konnte doch nicht echt sein, oder?“
 „Sind Sie Schauspielerin“, fragte er vorsichtig.
 „Gott nein, Herr Kommissar, nicht wirklich“, dabei zwinkerte sie neckisch,
 oder zumindest hielt sie es dafür. „Nur manchmal küssen mich die Musen,
 und dann stehe ich auch schon mal im Chor auf der Bühne. Und dann
 schaue ich so von den Brettern, die die Welt bedeuten, hoch in den Rang,
 und dann denke ich so, ja so denke ich dann - gerade jetzt, das hier, das ist
 doch das wahre Leben…“
 Kurz hielt sie inne und schaute verklärt, dann wich ihre Verzückung
 wieder, und sie sah den Kommissar eindringlich an: „Aber nur, wenn mich
 die Musen küssen! Denken Sie daran, Herr Kommissar. Und grüßen Sie…“
 Sie stockte. „Ach lassen Sie, schon gut. Und einen schönen Tag noch!“
 Damit drehte sie sich auf dem Absatz ihrer flauschigen Pantoffeln um, der
 seidene Morgenmantel wehte wie zum Abschied, und die Tür schloss sich
 wieder hinter ihr.
 Der Kommissar blieb wie betäubt zurück. Die Sekunden tickten.
 Schließlich schüttelte er sich und ging die Treppe hinunter zum
 Hauseingang. Wie es der Zufall wollte, lag sein Lieblingscafè direkt
 gegenüber, und mit ausgreifenden Schritten überquerte er die Straße,
 öffnete mit einem scheppernden Klingeln die alte, verglaste Holztür, und
 noch bevor er sich an einen kleinen, wackligen Tisch setzte, bestellte er
 sich am Tresen seinen Cappuccino, der ganz im Gegensatz zum
 gemütlichen Ambiente des Cafés, mithilfe einer funkelnagelneuen, bestimmt
 sauteuren, glänzenden High-End-Maschine zubereitet wurde. Als die weiße,
 dickwandige Tasse vor ihn gestellt wurde, blies er etwas den Milchschaum
 zur Seite und schlürfte vorsichtig. Gut. Sehr gut.
 Er blätterte durch sein Notizbuch. Da stand der Satz wieder vor ihm:
 „Denn aus der Kräfte schön vereintem Streben erhebt sich wirkend erst das
 wahre Leben.“ Der Kommissar stutzte. Das hatte doch gerade auch die
 Verrückte gesagt: „das wahre Leben…“ Seine Gedanken sprangen hin und
 her. Er hatte das Gefühl, etwas gesehen und doch übersehen zu haben. Da
 war etwas gewesen, aber wo. Er dachte nach und konzentrierte sich darauf,
 was ihm in der Wohnung der Frau aufgefallen war. Da war in der Küche das
 unberührte Geschirr, im kleinen Zimmer lag der Spruch, im Schlafzimmer
 war es der Beatlessong, der ihn erschreckt hatte. Tja, sowohl wegen der
 Lautstärke als auch wegen der Bedeutung, dachte er. Im Wohnzimmer
 lagen die Platten aus den 60er Jahren und…
 Er erhob sich hastig, und beinahe hätte er seinen Cappuccino verschüttet,
 als er mit dem Bein gegen den Tisch rumpelte. „Zeitungen heute,
 Prospekte…“ stieß er hervor, und der schlaksige Student hinter dem Tresen
 wies fast erschreckt zur Seite.
 Der Kommissar wühlte sich durch den Stapel. Dann fand er, was er
 suchte. In seiner Hand hielt er den Spielplan des Gießener Stadttheaters.
 Vorne war die imposante Front des Theaters abgebildet. Auf dem Giebel
 saßen links und rechts zwei Frauengestalten. Es waren Musen, das wusste
 er noch aus der Schule. Warum er sich das damals gemerkt hatte?
 Wahrscheinlich, weil die beiden barbusig waren, grinste er in sich hinein.
 Und hatte die verkappte Schauspielerin nicht auch sogar etwas von Musen
 gesagt? Das waren jetzt ein paar Zufälle zu viel, dachte der Kommissar. Auf
 dem Foto konnte er sehen, dass zwischen den beiden Figuren etwas
 geschrieben stand. Sein Unterbewusstsein hatte das schon auf dem
 Prospekt in der Wohnung registriert. Auf dem Bild waren aber die einzelnen
 Buchstaben nicht zu erkennen, dafür war es zu unscharf. Aber von der
 Länge des Satzes und vom Satzbau her könnte es schon passen, überlegte
 der Kommissar. Wenn da nun wirklich dieser ominöse Satz stand, dann
 hatte das Verschwinden der Frau irgendetwas mit dem Theater zu tun.
 Vielleicht hatte sie selbst diese Hinweise gelegt, bevor man sie womöglich
 gekidnappt hatte.
 Er konnte es drehen und wenden wie er wollte, er musste hin, um sich
 selbst ein Bild zu machen. Als er wieder vor dem Café stand, war er kurz
 versucht, zurück über die Straße zu laufen, um die Verrückte weiter
 auszufragen. Doch dann entschied er sich anders, er wollte so schnell wie
 möglich Gewissheit und ging mit schnellen Schritten in Richtung Theater.
 Der Weg war zwar nicht weit, doch es reichte, ihn in ins Schwitzen zu
 bringen. Er atmete schwer, als er vor dem Bau stand, der Ende des 19.
 Jahrhunderts im klassizistischen Stil errichtet worden war. Da saßen sie,
 oben auf dem Dach, die beiden Musen. Und zwischen ihnen konnte er den
 Satz lesen, den er auf dem Leinentuch in der Wohnung gelesen hatte:
 „Denn aus der Kräfte schön vereintem Streben erhebt sich wirkend erst das
 wahre Leben.“
 Kurz machte sich Erleichterung im Kommissar breit. Er war offensichtlich
 am richtigen Ort. Er lief die Stufen zum Eingang hoch, doch die Türen
 waren verschlossen. Er rüttelte und klopfte, doch keines der drei Doppeltore
 öffnete sich. Er sah auf seine Uhr. Natürlich es war ja erst kurz vor 10 am
 Morgen. Da war noch niemand da. Langsam drehte er sich und schaute in
 die Ferne. Was sollte er als Nächstes tun? Ihm erschien es dringend
 geboten, die verschwundene Frau so schnell wie möglich zu finden, aber
 wo? Er hatte zwar einen Hinweis aus der Wohnung entschlüsseln können,
 aber hatte ihn das wirklich zum Ziel gebracht? Was war mit diesen Platten
 aus den 60er Jahren, die im Wohnzimmer so offen ausgelegt worden
 waren, sollten die auch etwas bedeuten?
 Sein Blick blieb an einem Hochhaus hängen, das nicht weit vom Theater
 entfernt aufragte. Und während er gedankenverloren darauf starrte, bahnte
 sich langsam ein Gedanken in ihm einen Weg aus dem Unterbewusstsein
 an die Oberfläche. Das da war Gießens bekanntestes Gebäude aus den
 60er Jahren - eine Hässlichkeit verglichen mit dem Theater - , aber oben…!
 Er drehte sich wieder abrupt zum Eingang des Theaters um und blickte
 hoch, aber das Regendach vor den Türen versperrte ihm den Blick, er lief
 die Stufen fast rückwärts nach unten und vom Vorplatz aus nahm er dann
 die ganze Fassade in Augenschein. Natürlich, dachte er, natürlich - die
 Musen: Oben, oben saßen die Musen - auf dem Dach. Und plötzlich machte
 das leere Frühstücksgeschirr Sinn. Wenn es kein Frühstück zuhause gibt,
 muss man woanders hingehen. Er schaute wieder zu dem Hochhaus. Oben
 sitzen die Musen, wiederholte er für sich. Oben auf dem Dach. Und oben
 auf diesem Hochhaus war seit seinem Bau das Generationen von
 Gießenern bekannte Dachcafé! Jetzt wusste der Kommissar, was er zu tun
 hatte.
 …
 Die beiden Frauen saßen am Fenster und blickten gedankenverloren nach
 draußen. Von hier aus hatte man einen wunderbaren Blick über die ganze
 Stadt. Die jüngere der beiden nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und
 sah die andere Frau nachdenklich an. „Nun“, fragte sie, „wie ist das jetzt für
 Dich?“
 „Was meinst Du?“
 „Na, Papa. Wie ist das jetzt so, wo er auf einmal den ganzen Tag
 zuhause ist?“
 Die ältere Frau lächelte.
 „Wie soll es schon sein? Furchtbar natürlich. Für mich und auch für ihn.“
 Die Tochter lachte. „Ich kann es mir denken. Er wird Dich verrückt
 machen - jetzt, wo er in Rente ist.“
 „Naja“, meinte ihre Mutter. „Es ist halt nicht leicht für ihn, so von heute auf
 morgen aus dem Polizeidienst auszuscheiden. Er war gerne bei der
 Kriminalpolizei.“
 Die Tochter nickte. „Ich weiß. Und was macht ihr jetzt den ganzen Tag?“
 Die Mutter lächelte. „Nun, ich stelle ihm Aufgaben.“
 „Was meinst Du?“
 „Heute zum Beispiel habe ich mich früh aus der Wohnung geschlichen
 und ihm ein paar Hinweise dagelassen, wo er mich finden kann.“
 Die Tochter schaute überrascht: „Du meinst, Du gestaltest so etwas
 wie…“ Sie suchte nach dem richtigen Ausdruck. „…wie eine Schnitzeljagd?“
 “Eher wie eine kriminalistische Ermittlungsarbeit“, korrigierte die Mutter.
 „Das mache ich auch nicht allein. Heute hat mir Bella geholfen.“
 „Bella, Du meinst Eure Nachbarin?“
 „Ja“, bestätigte die Mutter und sie musste lachen. „Sie ist wirklich ein
 bisschen verrückt.“
 „Na“, meinte die Tochter liebevoll, „das bist Du aber auch…“
 Plötzlich wurde im Café die permanent im Hintergrund dudelnde
 Fahrstuhlmusik unterbrochen. Stattdessen spielte man, auch etwas lauter,
 einen alten Hit.
 Die beiden Frauen blickten überrascht auf und schauten in den Raum.
 Dann lächelten sie und ihr erstaunter Blick wurde weich.
 „…will you still need me, will you still feed me, when I’m sixty four…“